17/7 A different way of cutting the cake

A different way of cutting the cake
Die Mutter des Jubilars sah bedenklich auf die Kaffeetafel mit den prächtig aufgeschnittenen Kuchen. Nach einer Weile sagte die Mutter und ich hörte es: "Ich schneide Kuchen nach Bedarf auf". Es war deutlich, was ihr nicht gefiel: Die Vielzahl der vorschnell und vielleicht vergeblich (beziehungsweise umsonst) aufgeschnittenen Kuchen - und das unangenehme Gefühl, dass die verfrüht aufgeschnittenen Kuchen der Eintrocknung und womöglich der Vernichtung anheim fielen.

Ich merkte, wie mich nach wenigen Minuten eine melancholische Verstimmung überkam, und ich wusste auch warum. Ich kannte den Satz der Frau - "Ich schneide Kuchen nach Bedarf auf" - so ähnlich von meiner Mutter. Sie verwendete den Satz mit einer kleinen Abweichung: "Ich schneide Kuchen nach Wunsch auf." Meine Mutter sagte den Satz bei ähnlichen Anlässen mit dem gleichen Hintergrund: Die Vorsorge sollte dem erwartbaren Verbrauch angemessen sein. Man sollte, wenn die Leute voraussichtlich gar keinen Hunger haben, nicht derartig viele Kuchen gleichzeitig aufschneiden. Genau so dachte auch meine Mutter.

Ich habe den Satz während meiner Jugend - und auch späterhin - oft gehört. Und eines Tages bereitete mir der Satz eine ungeplante Erleuchtung. Ich verstand plötzlich, dass der Satz ein Ausdruck des gesamten emotionalen Haushalts meiner Mutter war. Sie gab Gefühle oft nur dann frei, wenn es für sie einen Bedarf oder einen Wunsch gab. Bedarf und Wunsch schätzte sie freilich selbst ein. Ich muss nicht lange ausführen, dass diese Bedarfseinschätzungen spärlich ausfielen. Vermutlich lag (und liegt) diese Spärlichkeit in der Logik der Gefühle: Wer diese nach selbst eingeschätztem Bedarf vergibt, leidet gewiss nicht unter Anfällen von Verschwendung.
Wilhelm Genazino, Der Verdacht gegen das Totsein im Leben


Heute habe ich obiges gelesen und ich fand, dass es sehr gut passen würde zu diesem Bild vom Kuchen. Ich habe mir deshalb erlaubt, diese längere Passage ungekürzt zu zitieren. Ich hoffe Wilhelm Genazino und die NZZ verzeihen es mir.

Wieso habe ich überhaupt dieses Foto gemacht? Gibt es denn etwas Banaleres als eine Kuchen aufzuschneiden?

Für mich sind diese kleinen Details wichtig (weshalb ich auch dieses Blog liebe), denn hier werden Brüche an den Nähten sichtbar, werden Fragen aufgeworfen. Der Text von Genazino zeigt dies sehr schön.

Die Art des Kuchenschneidens auf obigem Foto war für mich etwas Überraschendes, und hat mich einige Zeit schon sinnieren lassen. Faszinierend daran sind sicher die Biographeme, die diese Art des Kuchenschneidens in der Romandie, in der familiären Tradition und in der Vergangenheit verankern. Natürlich gibt es praktische Erwägungen, die höchst sinnvoll erscheinen, den Kuchen so zu schneiden und nicht, wie ich es mir gewöhnt bin, in gleichförmige Teile. Trotzdem - gerade weil diese Art des Kuchenschneidens doch eher marginaler Natur ist - erklärt der "praktische" Aspekt eigentlich wenig bis nichts.

Wenn jemand mehr zur Geschichte und Kultur des Kuchenschneidens weiss, würde es mich sehr freuen, sie oder er hinterliesse hier einen Kommentar.

PS: Ich habe folgendes gefunden - und vielleicht ist es ja so, dass der Brauch des Hochzeitkuchenschneidens à la Wilton bei meiner Kuchenschneiderin über die familiäre Tradition ins allgemeine Kuchenschneiden Einzug gehalten hat. Das bleibt aber vorerst eine vage Hypothese. Weitere Beispiele des Hochzeitskuchenschneidens wie diese Technik hier entkräften allerdings die Hypothese bereits wieder.

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Kommentare

nathalie
2006-07-19 15:42:37
wie kann ich mit Roger in kontakt kommen?
gruss Nathalie
Irene
2006-07-30 11:10:18
Ich habe gar nicht gewusst, dass "Kuchenschneiden" soviel Möglichkeiten bietet, verbal und technisch...!

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